Schüler lernten erstmals selbstständig und mit Spaß

Dez 4th, 2008 | Von ArtieS | Thema: Unterricht

So weit, so gut.  Ihr könnt euch zwar wahrscheinlich nichts näheres darunter vorstellen aber das klingt doch schonmal positiv.

Das ganze hatte leider Konsequenzen. Und ‘ne Vorgeschichte. Fangen wir mit der doch mal an:

Am 28.07. berichtete die Süddeutsche Zeitung über eine Grundschullehrerin aus Bayern. Die seit 10 Jahren praktizierende Pädagogin glaubte erst sich verhört zu haben, als man ihr klarmachte, dass sie ihr Niveau runterschrauben musste, um sich den Parallelklassen anzupassen.

Zuvor hatte sie es als große Ausnahme fertig gebracht, ihre Schüler für die Schule zu begeistern. Eltern waren verwundert, dass ihr Kind plötzlich wieder Spaß am Unterricht hat und mit Engagement und Konzentration lernt.

Die 36 Jährige Sabine Czerny vergab aufgrund der guten Leistungen ebenso gerechtfertigte Noten und so konnte ein Großteil ihrer Schüler eine Gymnasial- bzw. Realschulempfehlung bekommen.

Das passte dem Schulrat nicht und trotz erheblicher Öffentlichkeitsarbeit wurde Sabine Czerny nun am 30. Juli zwangsversetzt.

Schulrätin Henriette Lemnitzer, Verantwortliche für die Versetzung, fiel dazu nur der überaus geistreiche Satz ein:  “Manche Dinge muss man einfach tun. Auch wenn sie unangenehm sind – zum Wohle aller!”

Gut, wenn man unter dem Wohl aller das weitere Ausleben pädagogischer Beschränktheit einiger Lehrpersonen versteht, können wir ihr nur beipflichten.

Aber zum Wohle aller hat man auch einfach im Namen aller Lehrer ein Statement veröffentlicht, indem die “böswilligen Unterstellungen” Czernys zurückgewiesen werden. Dass mal wieder nicht annährend auf die Argumente selbst eingegangen wird, was man von einigen Lehrern schon kennt, wird aber durch die Tatsache übertroffen, dass keine der Lehrer dieses Statement bewilligt hat.

Es scheint, als wäre hier der Schulrat alleine für die brutale Offensive gegen die Pädagogin verantwortlich. Denn in persönlichen Gesprächen äußerten sich Kollegen sehr positiv über Czerny, lobten ihr Engagement, dass sie nicht zuletzt bei ihrer öffentlichen Klage gegen die selektive Notenvergabe ab dem 2. Schuljahr, die “Kinder zu Versagern mache” bewiesen hat.

Sabine Czerny hat einer Lehrkraft zufolge nicht den Schulfrieden gestört und KollegInnen schlecht gemacht, wie manche in Unkenntnis des wahren Sachverhaltes ihr vorwarfen, sondern habe im Gegenteil auf systembedingte Probleme aufmerksam gemacht, unter denen sehr wohl auch andere an ihrer Schule litten. Dazu gehöre auch der in entwürdigender Form aufgebaute Druck, mäßige Notenschnitte sicherzustellen. Ein anderes Mitglied des Kollegiums versichert, Czerny stets als “sehr kollegial und kompetent” erlebt zu haben, an den Kindern ihrer Klasse habe man deutlich ablesen können, wie gut sie sie erreiche.(Taz)

Einige engagierte Eltern ehemaliger Schüler Czernys wollen jetzt jedoch Klage gegen die Misstände im Schulsystem beim Bildungsministerium einreichen.

Am traurigsten an der Sache: Der Schulrat wollte nicht ihre Meinung, ihre Rechtfertigung hören. Dabei sind ihre Worte wichtiger denn je, in einer Zeit in der Lehrer sich anscheinend für nichts mehr verantwortlich fühlen, außer der Frage, wie man die Klausuren am besten noch Vormittags bearbeiten kann.

“Wenn Kinder sich wohlfühlen, wenn sie keine Angst haben, wenn sozusagen alle Dinge zur Seite geschafft worden sind, die eigentlich den Lernerfolg verhindern können, und das sind die unterschiedlichsten Dinge, die sind bei jedem Kind anders, und insofern ist es einfach wichtig zuzuhören und offen zu sein.”

Diese Pädagogin ist wohl eine der wenigen, die Kinder als individuelle Persönlichkeiten sieht, die man nicht einfach in einer gleichgeschalteten Masse untergehen lassen kann.

Das ist das Grundproblem unseres kompletten Schulsystems und hier wird eine Frau fertig gemacht, die das erkannt hat.

Vonn Kollegen hörte sie aber auch Sätze wie:

“Manche Schüler sind numal dumm”

Dass sie das Gegenteil bewiesen hat, indem sie in den Schülern keine Objekte, sondern Menschen sieht und durch “liebevolle und respektvolle Hinwendung zum Kind” richtiges Lernen erst ermöglicht, dass haben anscheinend nicht viele bemerkt.

Zahlreiche Seminare,Schulungen und Weiterbildungen hat sie in ihrer Laufbahn besucht, um nicht nur Lehrerin zu sein – sondern Pädagogin.

Schnitte unter 1,9 waren bei ihr die Regel. Aber nicht nur ihr Unterricht war revolutionär. Dass sie wichtige Fragen ihrer Schule in einem offenen Brief ansprach und auch sonst offene Kommunikation, um Probleme direkt anzusprechen, bevorzugte, machte sie tatsächlich in ihrem Kollegium unbeliebt.

Mobbing ist an Schulen kein Fremdwort. Unter Lehrern jedoch nicht sehr bekannt. Dieses Armutszeugnis zeigt die erbärmliche Schulpolitik von Lehrern, in diesem Fall anscheinend hauptsächlich vom Schulrat auf, die sich nicht intelligenter als Kinder benehmen.

Abschließend bleibt dann die Frage, ob es nicht ein riesiger Fehler ist, wie Deutschlands Kinder “gebildet” werden und wie diese selbstsicher und klug die Zukunft gestalten sollen, wenn sie in ihrer Kindheit durch dieses System so ausgebremst werden.

Lehrer, die Neid, Hass und Minderwertigkeitskomplexe auf ihre Schüler und Kollegen übertragen und so unsichere Kinder und ein Kollegium voller Intrigen,Streitigkeiten und Mobbing erschaffen, gibt es leider genug.

Und das hier ist kein Einzelfall: Jeder, der lange genug mit dem Schulsystem zutun hat, kann bestägiten, dass es fast überall derartige Konflikt- und Problemsituationen gibt und dass die Motivation vieler Lehrer schon lange am Nullpunkt angelangt ist.

Dieses Schulsystem ist darauf ausgelegt, gute Schüler in die Mittelmäßigkeit zu ziehen, um eine breite Masse nicht denkender Individuen zu schaffen, auf die das Wort Individuum letztendlich nicht mehr anwendbar ist, da jede Individualität und Kreativität im Keim erstickt wird und schon junge Kinder mit Problemen beschäftigt, die sie vom Lernen gänzlich abhalten. Hier wird eine Gesellschaft geschaffen, die in Zukunft wunderbar regier- und manipulierbar ist und auf diesem Fazit aufbauend stellt man fest, dass die Polik bzw. Interessen hinter dieser scheinbar kein Interesse an eben jenen Menschen hat, die unser Schulsystem nicht erschafft. Schaut man sich aber die Lehrer an, stellt sich die Frage, ob wir nicht schon mittem im Dilemma stecken.

Ein Lichtblick sind alternative Schulformen, die Schüler so sehen, wie es Sabine Czerny tut. Zwar, wie nicht anders zu erwarten, wird mit allen Mitteln dagegen angekämpft, dass Eltern ihre Kinder dem Monster “staatliches Schulsystem” entreißen können, aber immer mehr Menschen lehnen sich auf. Selbst das Verlassen Deutschlands ist für viele kein Problem, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu gewährleisten.

Wenn diejenigen, die es in der Hand haben, etwas ändern wollten, dann hätten sie es schon längst getan, so viel ist sicher.

Ähnliche Beiträge:

  1. Alle Schüler sind gleich
  2. Unsere Meinung: die Sudbury-Schule
  3. Schüler machen Schule krank…?!
  4. Privatschulen auf dem Vormarsch
  5. Interview zur Sudbury-Schule
Tags: Bildung, Eltern, Grundschule, Kritik, Lehrer, Politik, Schulblog, Schule, Schüler, Schulsystem, Weblog

13 Kommentare
Hinterlasse einen Kommentar und beteilige dich an der Diskussion :) »

  1. [...] Schüler lernten erstmals selbständig und mit Spaß – Schulkritik.de Die Würde des Menschen ist unantastbar. (Artikel 1 Abs.1 Grundgesetz) ————————————— Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig. (§1631 Abs. 2 BGB) Kalender [...]

  2. [...] was ich gerade wieder bei den Kollegen von Schul-Kritik.de lesen durfte: Hier klicken! mehr… Related PostsSitzenbleiberquote gesunkenEin paar Zitate aus der heute [...]

  3. [...] Schüler lernten erstmals selbstständig und mit Spaß [...]

  4. [...] Kritik, Lehrer, pädagogik, Schulblog, Schule, Schulsystem Ein erschütternder Bericht auf „Schul-Kritik.de“, veranlasste mich diesen Thema zu widmen, den es passt ja auch zur Lage legasthener und [...]

  5. [...] Einen Link zum kompletten Artikel finden Sie hier: schul-kritik.de [...]

  6. Zitat: “Manche Schüler sind numal dumm”
    manche lehrer auch: “Es muss auch Bäcker geben”, ein anderes zitat. aber selbstverständlich werden lehrerkinder keine bäcker, oder kennt jemand eine statistik, die anderes aussagt?

  7. >>Mobbing ist an Schulen kein Fremdwort. Unter Lehrern jedoch nicht sehr bekannt.

    Ich glaube mittlerweile: Lehrer sind sogar die, die Mobbing primär anwenden. Und Schüler lernen es von diesen.

    Ansonsten ist die wichtigste Aufgabe der Schule die Selektion. Es soll allen Menschen aus Geringverdiener-Haushalten klar gemacht werden, dass sie eine faire Chance hatten, diese aber nicht genutzt haben. Ein paar lässt man durch, wie sähe das sonst aus.

    Ich war selbst auf einer teuren Privatschule – wir haben zwar zentrales Abitur geschrieben, es wurde aber von unseren Lehrern korrigiert :) Unser ganzer Jahrgang hatte nur einen, der es nicht schaffte. Der kam dann in die mündliche Nachprüfung – und schaffte es dann dort.


    Die wahre Motivation der Schule ist wirklich: “Es muss auch Bäcker/Metzger/Baumarktsäger geben”

  8. @1000Sunny

    Du treibst dein Unwesen wieder! *smile*

    Ich glaube nicht, dass es um Selektion in der Schule geht.

    Hast Du schon mal Fast Food Gesellschaft. Sonderausgabe: Fette Gewinne, faules System (von Eric Schlosser) gelesen?

    Oder mal The E-Myth: Warum die meisten kleinen Unternehmen nicht funktionieren und was sie dagegen tun können (von M. Gerber)? (Ich habe das Hörbuch auf CD in oT)

    Diese beide Lektüre zeigen, wie die Wirtschaft eigentlich UNGEBILDETE billige Arbeitskraft braucht… die Politik ist nur ein Instrument der geldgierige Wirtschaftsbosse… (Ja, Du sagts es doch am Ende: Es muss auch Bäcker/Metzger/Baumarktsäger geben.)

  9. @ sunny & Andrea

    Ihr schreibt einen solchen geistigen Durchfall zusammen, dass es einem graust.

    Vielleicht hat sich aber doch die ganze Weltelite verschworen und will jetzt aus euch und euren Kindern billige, unterdrückte und ungebildete Sklaven machen …

    Ich kann euch da den Kopp Verlag empfehlen, da werdet ihr noch mehr Bücher mit Bestätigung eurer Verschwörungstheorie finden!
    Wahrscheinlich sinds aber am Ende doch wieder die Aliens …

  10. @ Peter_Gogik

    Ok, wir müssen nicht die gleiche Meinung haben. Gar nicht.

    Magst recht haben, da üblicherweise nur gut gebildete Menschen bei Al*di, Mc*DoofDonalds und im Kau*fhof arbeiten.

    Mag sein, dass Du auch dumme Kinder kennst. Ich kenne zum Teil unmotivierte Kinder, die keine Lust auf das Programm “Schule” haben. Und ich kenne Lehrer (und leider Eltern), die diese Kinder als “dumm” bezeichnen.

    Vielleicht möchtest Du was positives zum Gleichberechtigung und Bildungschancen sagen? (Da ich offensichtlich nur geistigen Durchfall von mir gebe… wofür ich mich entschuldige, denn sowas macht man nur aufs Klo, und ich ziehe es vor, dies hinter verschlossene Türe zu erledigen.)

  11. [...] Er erwähnt dort auch eine Lehrerin aus Bayern, über die wir hier auf Schul-Kritik Ende letzten Jahres ausführlich berichteten: Schueler-lernten-erstmals-selbstständig-und-mit-spaß [...]

  12. Toll ist, dass es Leute wie Frau Czerny gibt – die zeigen, dass es auch anders gehen könnte… traurig aber ist der Rest um diese ganze Geschichte herum. :-(

    grüsse, barbara

  13. Wenigstens hat sie dafür noch einen Couragepreis dieses Jahr erhalten.

    Aber traurig, das so etwas überhaupt erst passieren muss.

Kommentar verfassen