Eltern hinter Gittern
Jun 19th, 2008 | Von Rafael | Thema: deutsche BildungspolitikImmer wieder ist zu sehen, dass Deutschland eine Gesetzgebung besitzt, die mit keinem anderen Land der Welt vergleichbar ist. Medizinische Lebensrettende Maßnahmen werden nicht gesetzlich verankert, dafür gibt es aber Dinge wie die Schulpflicht. Viele andere Länder Europa dagegen, haben nicht nur ein besseres Gesundheitssystem, sondern auch eine Bildungspflicht. Das hört sich erstmal nach keinem Unterschied an, ist aber für viele eine Frage zwischen Gefängnis und Freiheit.
Seit Jahren sind Homeschooling-Familien immer wieder in den Schlagzeilen. So auch im folgendem Fall, in dem Eltern für ihre Bemühungen zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt wurden. [Spiegelartikel]
Was genau die Politiker, die seit Jahren an einem Schulzwang festhalten von der verhältnismäßig kleinen Zahl der Homeschooling-Familien fürchtet, das weis keiner so genau. In vielen Ländern der Welt funktioniert das System prima und die Schüler machen gute bis sehr gute Abschlüsse. Vielleicht ist es ja Neid, dass eine “einfache Hausfrau” ihre Kinder besser im Griff hat als ein komplexer Apparat von Lehrern.
Wenngleich ich die großen Vorteile einer Schule (nicht staatlich) schätze, habe ich doch großes Verständnis für Leute die ihre Kinder lieber selbst unterrichten. Diese aber werden wie Ketzer verfolgt und müssen für ihre Ideale nicht selten das Land verlassen.
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“Vielleicht ist es ja Neid, dass eine “einfache Hausfrau” ihre Kinder besser im Griff hat als ein komplexer Apparat von Lehrern.”
Das wird sicher nicht gefürchtet. Bei den Beiträgen dieses Blogs zum Thema ‘Homeschooling’ wird aber immer vom Idealfall ausgegangen: Eltern und Kinder aus der Mittelschicht, die die Bildung selber in die HAnd nehmen. Solche also, die das Grundgesetz und die freiheitliche Ordnung Deutschlands verinnerlicht zu haben scheinen . Ein Recht auf Homeschooling müsste dann aber auch solchen Menschen zugestanden werden, die damit wenig am Hut haben. Der eh schon bestehenden Entwicklung von Parallelgesellschaften und der Segregation von bestimmten Bevölkerungsgruppen würden damit die Tore weit geöffnet. Und Aufgabe der Schule ist nun mal nicht die Qualifikation allein. Sie hat auch die bestehende gesellschaftliche Ordnung zu legitimieren (und eben zu vermitteln). Und eine nun vielleicht denkbare Prüfung, die die Paragraphen des Grundgesetzes abfragt, halte ich für ungeeignet, um solche Einstellungen zu erzeugen und abzutesten. Weiterhin geht es ind er schule um das soziale Lernen (beispielsweise der Umgang mit Konflikten). Wie das zu HAuse gehen soll, weiß ich nicht.
Eine Idee die mir so einfällt, wäre, dass die Länder hier selbst Initative ergreifen und eine Art Amt für Homeschooling einrichten. Dann könnte man Eltern einem “Eignungstest” unterziehen und bei bestehen wären sie dann zugelassene Homeschooler. Dieses “Amt” sollte diese Eltern dann auch unterstützen. Hört sich erstmal komisch an – aber ich fahr ja auch kein Auto ohne Zulassung.
“Dann könnte man Eltern einem “Eignungstest” unterziehen und bei bestehen wären sie dann zugelassene Homeschooler.”
Und wie soll der aussehen, dass er wirklich valide Ergebnisse über die Eignung erfasst? Ich kann mir das nicht vorstellen.
Christian schreibt, “Der eh schon bestehenden Entwicklung von Parallelgesellschaften und der Segregation von bestimmten Bevölkerungsgruppen würden damit die Tore weit geöffnet.”
In den Niederländen gibt es auch Schulpflicht. Die einzige Ausnahmemöglichkeit – man gehört einer Religion oder Weltanschauung und will, dass die eigenen Kinder in dieser Religion bzw. Weltanschauung erzogen wird, aber es gibt keine Schule in der Nähe (etwas wie 25km), die das Vermittelt. Wenn das gilt, wird man durch eine sogenannte Richtungsbeschwerde freigesetzt. Es gibt im Moment ungefähr 100 Homeschoolfamilien in den Niederländen, unter ihnen keine Muslime (sind es die, die Sie mit “bestimmten Bevölkerungsgruppen” meinen?)
Solch eine Entwicklung kann man auch in Amerika sehen. Die heutige Generation von religiösen Eltern dort kommen überwiegend aus ein staatliches ganztags Schulsystem, wo keine Ausübung von Religion erlaubt wird. Sie sind selbst keine Produkte von Homeschooling.
In Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich und der Schweiz, wo es eine lange Tradition von Bildungsfreiheit gibt, ist, erstens, Homeschooling nicht sehr verbreitet (England, mit ungefähr 50 000 Home Educators und keine Bestimmungen, hat die grösste Zahl in Europa – meistens liegt es in der 0,….% in unseren Nachbarländern) und zweitens sind solche “Bevölkerungsgruppen” kaum representiert unter Homeschoolern. Es sind auch keine “Parallelgesellschaften” wegen des Homeschoolings in unseren Nachbarländern instande gekommen. Die, die es gibt, sind, wie in Deutschland in den städtlichen Brennpunkten wo Kinder meistens ihre Heimatsprache mit ihren Mitschülern sprechen (vielleicht erinnert jemand sich noch an der Rütli-Schule?)
Es gibt auch andere Möglichkeiten, als Eignungstests, die, wie Christian sagt, schwierig wären. In Österreich (wie in manchen US-Staaten) muss das Kind jährlich an einer Prüfung teilnehmen, zum Prüfen, ob er die Minimalbildung geschafft hat. In Frankreich werden Stichproben gemacht. In manchen US-Staaten hat man den Wahl zwischen Prüfung und Portfolio.
In Irland (mein Heimat) müssen die Eltern ein 4-seitiges Formular ausfüllen, mit Gründen, padagogische Zielen, Resourcen, genauen Angaben zu den Stärken, Schwächen und Beschäftigungen der Kinder, wonach ein Interview mit den Eltern von einem Inspektor des National Education Welfare Boards durchgeführt wird, und die Homeschooling dann genehmigt oder abgelehnt wird. Mir wurde schon gesagt, wie kann der Staat sich sowas Leisten, aber solche Massnahmen kosten viel, viel weniger als ein Schulplatz. In Kanada gibt es eher Karotte statt Stock und Eltern, die sich bei einer Fernschule, die Kontrollen durchführt, anmelden, bekommen bis zu 1 000 dollar im Jahr (pro Kind) für schulischen Ausgaben.
@scatty: Coole Sache – hätte ich jetzt alles so nicht gewusst – danke.
Ich beziehe mich auf den ersten Kommentar von Christian:
Das höre ich (Mutter von zwei seit etlichen Jahren schul- und völlig unterrichtsfrei lebenden Kindern, ja! und zwar in Deutschland!) immer, daß das soziale Lernen nur in der Gruppe gelingen kann. Also brauchen wir für die lieben Kleinen und die nicht mehr ganz so lieben Größeren die Schule!
Was beim sozialen Lernen in Schulen rauskommt, das kann man doch auch tagtäglich in den Medien lesen/hören/sehen und aus dem Munde betroffener Kids und ebenfalls mittelbar durch die Kids betroffener Eltern hören. Etwas besonders Tolles scheint das nicht zu sein.
Also fragen wir uns doch mal, was soziales Lernen eigentlich ist und was es für Voraussetzungen haben könnte, damit es gelingt.
Ich persönlich bin der Meinung, das selbstbewußte Menschen am ehesten sozial sind. Warum? Weil sie es nicht nötig haben, hintenrum oder direkt andere niederzumachen, sondern weil sie im Auge haben, ihren Weg im Leben zu gehen.
Wie wird ein Mensch selbstbewußt? Dadurch daß er in eine Gruppe gesteckt wird, wo er sich in eine Hackordnung einfügen muß bzw. sich dort einen Platz erkämpfen muß? Und das dann auch schon zu einer Lebenszeit, wo der Mensch, so klein und unerfahren, eigentlich noch ganz scheu ist und erst mal sich selber erkennen können müßte?
Zu Hause (und anderswo, es ist ja nur bedingt zu Hause und zu einem nicht unerheblichen Teil draußen im echten Leben) gebildete Menschen sind internationalen Studien zufolge als Erwachsene sehr sozial eingestellt, auch beruflich erfolgreich, persönlich glücklich und gut gebildet – unabhängig von der Gesellschaftsschicht, der sie entstammen und unabhängig von der Bildung ihrer Eltern. Es profitieren sogar vom individuellen Lernen zu Hause (und anderswo) die Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten und von weniger gut gebildeten Eltern abstammend mehr als diejenigen aus mittleren und höheren Schichten (ist auch anhand von Studien belegt).
Wenn man nämlich nicht gleich in frühen Jahren in die Gruppe der Unreifen, geführt und gebändigt von einem Dompteur mit Namen Lehrer, reingeworfen wird, sondern stattdessen Zeit, Muße, Rückzugsmöglichkeiten, Geborgenheit, echte Anteilnahme, verläßliche Bindungen usw. erfährt, dann kann sich die eigene Persönlichkeit ganz anders entfalten als unter dem Gruppendruck in der Hackordnung, im hierarschischen System.
Druck erzeugt immer Gegendruck – Menschen, die unter Druck aufwuchsen, werden später immer auch andere drücken. Frei aufgewachsene Menschen dagegen haben nie diesen Reflex (Druck => Gegendruck) internalisiert. Sie haben eine gänzlich andere Möglichkeit, mit dem Mitmenschen umzugehen, und sie tun dies auch. Das ist es, was ich gelungenes soziales Lernen nenne.
Nicht die Schule bietet die Möglichkeit hierfür, sondern eine möglichst lange Phase eines Aufwachsens in einem geschützten “Raum”. (In Schulen sollen es etwa 30% aller Schüler sein, die am Ende unbeschadet aus dem System, in das sie mit sechs Jahren reingeworfen wurden, wieder rauskommen, der Rest kann als Verlierer des Systems bezeichnet werden – und das bezieht sich nicht nur auf das Leistungsniveau und die Leistungsbereitschaft!)
Viele Grüße,
Elisabeth
aka eljascha
aka ElisaMari
Wahre Worte, Elisabeth. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
“Bestimmte Bevölkerungsgruppen”: es geht dabei weniger um Muslime, denke ich, sondern mehr darum, dass “stark christlich religiöse” Gruppen ihr Kinder lieber nicht in die Schule schicken, weil sie dort mit “frevelhaftem Stoff” wie des Sexualerziehung und der Evolutionstheorie in Kontakt kommen.
Und der Hintergedanke gegen das Homeschooling ist halt, dass man u.a. eine entsprechende religiöse … Beeinflussung durch einen ausgegelichenen Lernstoff verhindern will.
Markus
@ Markus – ich weiss, was dieser Hintergedanke ist. Er wird gebetsmühlenartig von deutschen (und anderen) ignoranten Politikern und Edutards (http://alasandras.blogspot.com/2008/05/hoist-with-your-own-petard-edutards.html) wiedergegeben.
Ganztagsschulen mit “ausgeglichenen Lernstoff” kann diese Beeinflussung nicht verhindern. Schaut mal in den USA, wo es so ist und zwei drittel der Produkten dieses Schulsystem gegen Evolution sind. Vielleicht sollte man sie einfach von ihren religiösen Eltern wegnehmen?
Das gleiche Problem haben wir doch auch in Deutschland.
Was ist denn schlimmer? Wenn Eltern ihre Kinder individuell unterrichten und dabei INDIVIDUALISTEN herangezogen werden, die ihre eigene Ansicht haben aber sich durch ihre Ausgeglichenheit auch andere Anschauungen anhören oder eine Masse, die im Gleichschirtt unterrichtet wird und wo nur wenig Abweichungen vorhanden sind, weil z.B. in der Religion nur eine Religion unterrichtet wird, und das auch noch ziemlich einseitig?
Es ist nur fraglich, ob die Schüler zu Hause dazu “herangezogen” werden, dass sie durch ihre Ausgeglichenheit auch andere Anschauungen anhören. (Wenn sie kein Problem mit anderen Anschauungen hätten, müssten irgendwelche “christlichen” Eltern den Kontakt mit diesen Ansichten ja nicht scheuen.)
Und es ist genauso fraglich, ob in der Schule immer im Gleichschritt unterricht wird und nur wenige Abweichungen vorhanden sind.
Markus
(Die Aussage mit der Religion ist übrigens in sofern falsch, als dass im kath. Religionsunterricht, zumindest laut Lehrplan, lang und breit auf andere Religionen eingegangen wird. Und zwar überhaupt nicht einseitig. Wobei ich nicht garantieren kann, dass dies alle Reli-Lehrer auch so durchziehen.)
Ich rede nicht von einem System, in dem jeder seine Kinder “einfach so” erziehen kann. Ich spreche von gerechtfertigten staatlichen Eingriffen und Regelungen, die Kontrolle ermöglichen aber ebenso einzelne Freiheiten lassen. Wie auch immer diese aussehen mögen.
Religion wird immer von Anhängern derselbigen Unterricht. Wo ist da bitte die Objektivität?
Die Objektivität steckt im Lehrplan.Wie gesagt. Nicht jeder Lehrer stellt die anderen Religionen objektiv vor. Aber es ist so vorgesehen.
Und wenn du so skeptisch bist, dass an einer Schule mit festgelegten Lehrplänen und “zig” Zeugen im Unterricht der Unterreicht “objektiv” ist, warum bist du dann bezüglich des Homeschooling (ohne “Zeugen”) nicht skeptisch.
Markus
P.S.: Wenn es gut “kontrolliert” wird, ist gegen Homeschoolong nichts einzuwänden. Aber es wird immer kritisiert, dass man Schulen nicht vernünftig kontrollieren kann, wie soll man dann zusätzlich noch das Homeschooling vernünftig kontrollieren können.
Liebe Elisabeth. Genauso gebetsmühlenartig, wie du das Gegenargument des sozialen Lernens hörst (und wohl auch nicht mehr hören kannst) trägst du die Theorie der fürchterlichen Schule vor, in der ein grausamer Lehrer jede Individualität und jeden Eigensinn des Kindes mit fürchterlichen Unterrichtsmehtoden erdrückt. Das kann ich nicht mehr hören. Und ich glaube auch nicht, dass es der Realität entspricht.
“Genauso gebetsmühlenartig, wie du das Gegenargument des sozialen Lernens hörst (und wohl auch nicht mehr hören kannst) trägst du die Theorie der fürchterlichen Schule vor, in der ein grausamer Lehrer jede Individualität und jeden Eigensinn des Kindes mit fürchterlichen Unterrichtsmehtoden erdrückt.”
Ich habe bewußt etwas ironisch geschrieben. Aber ich denke nicht, daß ich das gebetsmühlenartig tue.
An anderen Stellen habe ich mich durchaus und öffentlich dazu bekannt, daß ich eine ziemlich positive Gymnasialzeit hatte und daß mein Sohn eine ebenso ziemlich positive Kindergartenzeit hatte.
Mir ging es darum, den Mythos der Sozialisation, die angeblich nur in einer Schulklasse gelingen kann (und was nun wirklich gebetsmühlenartig von deutschen Gerichten, Politikern, Lehrern, Eltern, Nicht-Eltern usw. wiederholt wird), auf die Schippe zu nehmen.
Außerdem denke ich schon, daß hierarchische Strukturen und relativ große Gleichaltrigen-Gruppen etwas sehr Prägendes sein können, auch oder gerade in dem Sinne, daß eine freie Entfaltung der Persönlichkeit be- oder gar verhindert wird.
Natürlich ist Familie nicht per se gut und Schule nicht per se schlecht. Was ich geschrieben habe, wird aber in den Grundzügen von der Bindungsforschung bestätigt: Es geht dabei stark um das Alter der Kinder und den Umfang der Betreuung/Unterrichtung in Einrichtungen. Andere Länder erkennen nach Jahrzehnten der Praxis einer sehr frühen und ganztägigen Betreuung/Unterrichtung von Kindern, daß dies wohl doch kein Optimum ist. In Deutschland dagegen wird behauptet, daß sehr frühe und ganztägige Betreuung/Unterrichtung von Kindern die Lösung für gelungene Bildung sei.
Auch der Begriff “heimlicher Lehrplan” ist ja nicht umsonst entstanden, man findet ihn sogar in pädagogischen Wörterbüchern.
Selbstverständlich kann auch Familie stark prägend sein (also eine freie Entfaltung der Persönlichkeit be-/verhindern), aber das wird im Gegensatz zur Schule (die ja verlangt, daß die Schüler ganz bestimmte Erwartungen erfüllen) von niemandem verlangt, jede Familie kann das individuell handhaben und Kinder eben auch freilassen. Und die emotionalen Bindungen, die in Familien bestehen, können einfach in Schulen zwischen Erwachsenen und Kindern (und dürfen ja auch gar nicht) in dieser Weise entstehen.
“die Theorie der fürchterlichen Schule [...], in der ein grausamer Lehrer jede Individualität und jeden Eigensinn des Kindes mit fürchterlichen Unterrichtsmehtoden erdrückt”
So negativ habe ich das auch nicht in meiner ironischen Darstellungsweise geschrieben, und auch sonst bin ich nicht diejeinige, die Schulen, Lehrer oder Unterrichtsmethoden im Rundumschlag schlecht macht.
Mir geht es auch gar nicht darum, alle dazu zu bekehren, meiner Meinung Beifall zu zollen. Ich möchte aber gerne, solange meine Sichtweise nicht klar falsifiziert ist und die Mainstream-Sichtweise nicht eindeutig als wirklich unbedingt nötig für eine gelungene Sozialisation verifiziert ist, daß sich meine Kinder nicht zwangsweise in Schulklassen sozialisieren lassen müssen.
“In Deutschland dagegen wird behauptet, daß sehr frühe und ganztägige Betreuung/Unterrichtung von Kindern die Lösung für gelungene Bildung sei.”
Das Problem ist, dass es unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Ressourcen und Problemen gibt. Die frühe und ganztägige Betreuung und Unterrichtung scheint vor allem für die Schüler von nutzen sein, deren familiäres Umfeld als eher bildungsfern beschrieben werden kann. Für bildungsnahe Bevölkerungsgruppen scheint das durchaus anders auszusehen. Nun muss entschieden werden, welches Übel das kleinere ist: eine enttäuschte (gehobene) Mittelschicht, die sich darüber aufregt, dass ihre Kinder in die Schule müssen und dort verdorben werden ODER die Gefahr einer Bildungs-Entkoppelung anderer Bevölkerungsgruppen mit unter Umständen negativen gesamtwirtschaftlichen und sozialen Folgen. Bei der Betreuung von Kleinkindern haben sich die Mittelschicht und die Wertkonservativen durchgesetzt und die ‘Herdprämie’ ist ins Gesetz gekommen. Bildungsforscher scheinen da nicht so glücklich drüber zu sein. Da Deutschland jetzt schon anfängt unter einem Facharbeitermangel und schlecht gebildeten Hauptschülern zu leiden, halte ich einen schrittweisen Rückzug (insbesondere der Mittelschicht) aus der staatlichen Beschulung für nicht sinnvoll.
“Selbstverständlich kann auch Familie stark prägend sein (also eine freie Entfaltung der Persönlichkeit be-/verhindern), aber das wird im Gegensatz zur Schule (die ja verlangt, daß die Schüler ganz bestimmte Erwartungen erfüllen) von niemandem verlangt, jede Familie kann das individuell handhaben und Kinder eben auch freilassen.”
Eben: die FAMILIE kann. Das KIND kann sich dem aber nicht entziehen. Und die primäre Sozialisationsinstanz Familie hat eine sehr viel stärkere und nachhaltigere sozialisierende Wirkung als die sekundäre Sozialisationsinstanz Schule (nachzulesen bei Berger, Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit). Die u.U. negativen Sozialisationswirkung der Schule ist also lange nicht so zwingend wie die der Familie.
“Auch der Begriff “heimlicher Lehrplan” ist ja nicht umsonst entstanden, man findet ihn sogar in pädagogischen Wörterbüchern.”
Wer sagt denn, dass es bei einer Unterrichtung zu Hause keinen ‘heimlichen Lehrplan’ gibt. Nur weil der nicht so gut erforscht ist, gibt es sicherlich auch zu Hause viele unausgesprochene Inhalte.
Lieber Christian,
danke für Deine ausführlichen Darlegungen. Darin finde ich mehrere Punkte für eine fundierte sachliche Diskussion.
Ich greife zuerst diesen heraus:
“Eben: die FAMILIE kann. Das KIND kann sich dem aber nicht entziehen. Und die primäre Sozialisationsinstanz Familie hat eine sehr viel stärkere und nachhaltigere sozialisierende Wirkung als die sekundäre Sozialisationsinstanz Schule (nachzulesen bei Berger, Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit). Die u.U. negativen Sozialisationswirkung der Schule ist also lange nicht so zwingend wie die der Familie.”
Ein britischer Wissenschaftler, der sich viel mit Bildung zu Hause und insbesondere mit dem informellen Lernen dabei beschäftigt hat, definierte den sogenannten “informellen Lehrplan” so: Es ist das kulturelle Umfeld und die Familienkonstellation, in die das Kind hineingeboren wird, wodurch dieser informelle Lehrplan geprägt wird. Die Situationen in den Homeschooling-Familien, welche also in jedemfall prägend für die Kinder sind, werden von Alan Thomas und z. B. auch Dr. Pat Montgomery, der Gründerin einer US-amerikanischen Fernschule für Homeschooler, sowie weiteren Forschern in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle als sehr positv beschrieben. (Es sollen ja auch gar nicht alle Familien Homeschooling machen, es wird von den Familien gemacht, die sich ganz besonders für ihre Kinder selbst engagieren wollen, und das, in den Ländern wo es legal ist, auch quer durch alle Schichten.)
Ein heimlicher Lehrplan würde m. E. zu Hause nur dann bestehen, wenn die Eltern und sonstigen Erziehenden des Kindes unausgesprochene Lerninhalte vermitteln, das hieße manipulieren wollen. Die Stärke der Bildung zu Hause liegt aber, wieder nach Alan Thomas, gerade in der offenen und authentischen Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Ich nehme daher an, daß ein heimlicher Lehrplan – der sehr vom Erziehungstil abhängig wäre – bei vielen Familien kaum zu finden sein wird. (Im System Schule ist er ja – unabhängig von den Bemühungen des einzelnen Lehrers – vor allem bereits strukturell bedingt.)
Die Bildungs-Entkoppelung, die Du nennst, kann ja auch aktuell trotz bestehender Schulbesuchspflicht beobachtet werden (in Deutschland angeblich, aufgrund des gegliederten Schulsystems, sogar ganz besonders). Internationale Studien zu Home Education zeigen erstaunlicherweise, daß durch HE die weniger bevorzugten Bevölkerungsgruppen profitieren – die “Vererbung” niedriger Bildungsabschlüsse ist weitaus größer beim Schulbesuch als bei Home Education. Der derzeitige Boom von Privatschulen ist für die benachteiligten Schichten auch kaum von Nutzen, denn diese sind einfach zu teuer. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Mein Sohn war ein Jahr in einer Freien Aktiven Schule. Ich mußte für die Schule leben (in puncto Finanzen und Arbeitseinsatz), das war mir definitiv zu viel.
Wenn ich nach Österreich schaue, wo ohne großen finanziellen und bürokratischen Aufwand sogenannter organisierter häuslicher Unterricht gestartet werden kann, dann sehe ich da schon mal ein positives Beispiel für mögliche Privatinitiative, die auch ohne größere finanzielle Mittel gemacht werden kann. (Organisierter häuslicher Unterricht heißt Lernen in privaten “Kleinstschulen”, die keine staatliche Anerkennung haben, keine finanzielle Unterstützung erhalten, aber auch keine Vorgaben wie die Einstellung ausgebildeter Lehrer oder in Bezug auf das Unterrichtsgebäude haben. In Deutschland gibt es vergleichbare Initiativen, die sogenannten Familienschulen – ich kenne etliche weniger betuchte Menschen, die daran großes Interesse haben – aber leider werden sie bisher nicht genehmigt, auch nicht als Schulversuch.)
Grüße von
Elisabeth