Alle Schüler sind gleich

Mai 22nd, 2009 | Von ArtieS | Thema: Schüleralltag

Farm der TiereAber manche sind gleicher. Dieses durchaus genauso bekannte wie leider auch abgelutschte Zitat fällt mir ein, wenn ich lese, dass 50% aller Gymnasiasten professionelle Nachhilfe in Anspruch nehmen müssen, um dem Leistungsdruck gerecht zu werden.

Diese Schüler sind weder dumm noch antriebslos.(Antriebslos höchstens, wenn sie von den Eltern zur Nachhilfe gezwungen werde. Dies dürfte jedoch so gut wie nie bzw. selten der Fall sein.) Sie erarbeiten sich den Stoff, den sie in der Schule hätten verarbeiten müssen in kostenintensiven Privatstunden mit erheblicher Mehrarbeit und kommen schließlich meistens wieder in den Unterricht rein.

Wo Gymnasiasten Elternhäuser mit entsprechender Finanzlage oder auch Akademiker als Eltern haben, die ihnen möglicherweise weiterhelfen, ist alles im grünen Bereich. Aber wo der soziale Hintergrund nicht stimmt, scheint es immer mehr Schüler zu geben, die abzurutschen drohen, da sie einfach nicht mehr hinterherkommen ohne Rückendeckung.

Wo liegt also das Problem? Man kann die Schuld jetzt natürlich auf die Schüler schieben. Das Niveau sinkt, der Anspruch bleibt konstant, würde manch einer das System Schulbildung verteidigen. Aber es ist immerhin Aufgabe der Schule, der Lehrer, den Unterricht so zu gestalten, dass jeder Schüler, unabhängig von seiner finanziellen und familiären Situation, gleiche Bildungschancen genießt. Unser dreigliedrigen Schulsystem führt schon zu krassen Differenzierungen in der Gesellschaft. Durch Übervorteilung der Wohlhabenden grenzt sich selbst innnerhalb von dieser Differenzierung wieder eine Art “Elite” ab.

Chancengleichheit im Bildungssystem sollte eine der obersten Prioritäten sein. Wenn Nachhilfe fast schon zur Pflicht wird, um  Vorraussetzungen befriedigend zu erfüllen, wird die Bildungspolitik ihrer Verantwortung nicht gerecht.

Dennoch kann Schule dieses Problem nicht alleine lösen. Sozial intakte Familien bringen auch meistens sozial starke Kinder hervor, die auch in der Schule besser klarkommen. Geprägt wird eine junge Generation zu allererst vom Elternhaus und sozialer Umgebung, welche Schuler mit einschließt.

Niemand kann erwarten, dass den Eltern die Erziehung abgenommen wird. Aber was falsch läuft, ist, dass Schule die Probleme eher verstärkt, als hemmt. Gleichberechtigung sieht anders aus.

Passend hierzu eine vor einiger Zeit veröffentlichte Umfrage:

Umfrage Stress

“[...] auch neun von zehn Schüler klagen über Stress. Jeder Dritte steht nach eigener Aussage permanent unter Leistungs- und Prüfungsdruck. Auch Zukunftsängste belasten junge Menschen: 37 Prozent der Befragten befürchten der Studie zufolge, keinen Ausbildungs-, Studien- oder Arbeitsplatz zu finden.”

Soziale Unterschiede werden durch das dreigliedrige Schulsystem hervorgehoben. Diese Differenzierung, auch Selektion (Auslese) genannt, ist einer der Grundpfeiler “demokratischer” Bildungssysteme. Helmut Fend beschreibt dies im Standardwerk “Neue Theorie der Schule”.

Aber eine Sackgasse bleibt eine Sackgasse, auch wenn das Verkehrsschild entfernt wurde.

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Tags: Bildung, Bildungspolitik, Eltern, Kritik, Lehrer, Politik, Schüler, Schulsystem

5 Kommentare
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  1. Inhaltlich weniger gut. Die Argumentation schein nachvollziehbar, wenn man bestimmte Prämissen für richtig hält.
    Nun mögen ja die Uhren in verschiedenen Bundesländern an verschiedenen Schulen auch un- terschiedl-ch ticken: ich kann nur über meine Erfahrungen in Berlin sprechen. Und da wage ich zu behaupten: wer als Schüler seinen Aufgaben einigermaßen (!) geregelt nachgeht und für die Schulzeit auch anerkennt, dass “Schule” nun mal der momentane “Hauptjob” ist, der schafft auch sein Abitur bzw. den seinen Möglichkeiten angemessenen Abschluss. Das Absurde ist doch, dass ein Teil der Schüler, der Nachhilfe erhält, während der Unterrichtszeit alles andere tut, als dem Unterricht zu folgen.
    An Schule gibt es weißgott viel zu ändern. Und Schule ist auch alles andere als “effektiv”, aber die Phrase von der sozialen Abhängigkeit von Bildungschancen, die durch das Schulsystem gegeben ist (!!), ist Unsinn und passt so schön ins linke Weltbild – die darauf aufbauende Schulreform wird daher auch nix bringen.
    Natürlich sind Kinder aus sozial schwachen Familien u.U. benachteiligt: aber diese Eins-zu-Eins-Rechnung stimmt eben nicht. Siehe hier http://www.zeit.de/2009/05/B-Vietnamesen

  2. @vccd1309
    Danke für den Artikel. Er ist ein Armutszeugnis für die Idee Schule an sich. Die Entfremdung der eigenen Kultur und Eltern ist zu stark. Schule ist ein Wahnsinn an sich.

  3. Was bleibt uns letztlich übrig als ganz konkret in der Welt zu überleben, in die wir hineingeboren sind? Man kann seine ganze Lebensenergie dafür verbrauchen, um allen, die sich verpflichtet haben, etwas für einen zu tun, ihre Fehler vorzurechnen und dagegen zu protestieren. Mit welcher Energie bewältigt man dann sein Leben?
    Ich erforsche seit 35 Jahren als Ich-kann-Schule-Lehrer die – gewöhnlich allgemein ignorierten – SUGGESTIVEN WIRKUNGEN des Menschen, vor allem im Bereich Schule und Pädagogik. Erstaunt beobachte ich, wie sich jeder seine Abhängigkeiten unermüdlich und immer wieder selbst konditioniert: “Ich kann nicht, weil dies oder jenes so oder so ist.” Wenn ich experimentell auch nur etwas an dieser (großenteils unbewussten) Autosuggestion ändere, ändert sich sofort das Ergebnis. das bedeutet praktisch: Wenn wir uns diesen Sachverhalt einmal genau anschauen und dann verständig mit den neuen Erkenntnissen umgehen würden, könnten wir alle sehr schnell, mit geringem Aufwand und großer Wirksamkeit Einfluss auf die Entfaltung unserer Potentiale und damit auf unser Leben gewinnen. Autosuggestion – der eigene Einfluss müsste dafür erkannt, erprobt und verstanden werden.
    Es wäre hilfreich, wenn der Lehrer als Vorbild mi seinen eigenen Talenten gut umgehen könnte, ist aber für konkrete Problemlösung nicht unbedingt nötig. Als die 7jährige Sabrina nicht mehr leben wollte, weil sie täglich von ihrer Lehrerin vor der Klasse blamiert wurde, blieb nur die Möglichkeit, Sabrina a) ihre eigenen Potentiale als wertvoll und wirksam zu erschließen und mit ihren frisch gestärkten Kräften dann mit den Talenten der Lehrerin BESSER umzugehen als diese selbst. In der Regel schießen wir ja zurück, wenn auf uns geschossen wird, und das bedeutet konkret, dass wir die Kräfte dees anderen genauso schlecht und schlechter behandeln als der. Warum sollten seine Kräfte DAFÜR etwas FÜR uns tun??? Es ist ein Ich-kann-Schule-Ergebnis von zentraler praktischer Bedeutung, dass wir DIE KRÄFTE der anderen BESSER als sie selbst behandeln: Dafür mögen uns diese Kräfte und folgen uns dann lieber als ihnen. So kann man Einfluss GEWINNEN, durch schlechtere behandlung VERSPIELT man ihn.
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

  4. Ich stimme Ihnen ja zu. Man sollte seine Aufmerksamkeit definitiv nicht grundsätzlich auf das so gesehen “Schlechte” richten, sonst erreicht man nichts Positives und Neues. Aber vorher muss man die Probleme natürlich erkennen ;)

    Und: Konditioniert der Schüler sich selbst oder ist es eher sein Umfeld, welches dies tut und ihn möglicherweise auch befähigt, sich bewusst anders zu konditionieren? Da wären wir wieder bei der Prägung.

    Grüße,
    Artie

  5. Ja, um Probleme erkennen zu können, ist es wohl sinnvoll, erst einmal nach dem Zustand der Erkenntnisfähigkeit zu schauen. Und wenn man in einem guten Umgang mit seinen Talenten ist, begegnet man den Problemen als Bewältiger und muss sich nicht erst, nachdem man von ihnen plattgewalzt wurde, aufrappeln und überlegen, was das denn nun wohl war.
    Natürlich konditionieren wir uns ebenso selbst wie gegenseitig – auf dem Niveau unseres jeweiligen Interesses und Erkenntnisstandes. Das kann man ja beobachten – wenn man es denn tut. In der Du-musst-Schule sucht einer den anderen unter sein eigenes Niveau zu konditionieren, um sich so über Wasser zu halten. In der neuen Ich-kann-Schule spricht man den 5000 Talenten in jedem Menschen ein möglichst hohes Niveau zu, weil man dann 5000 Freunde auf höchstem Niveau in einem einzigen Menschen hat. Wirkungen kann man nicht vermeiden aber man kann sie wandeln.
    Mit guten Wünschen dazu
    Franz Josef Neffe

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