Kampagne: “Studieren in Fernost” – Studieren in Ostdeutschland

Mai 18th, 2009 | Von ArtieS | Thema: Studium

logo_studieren in fernostDie “Hochschulinitiative Neue Bundesländer” rief Anfang dieses Jahres eine Kampagne ins Leben, um Hochschulen in den neuen Bundesländern attraktiver zu machen. Die Kultusministerien der fünf Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben sich also zusammengetan um studierwillige Schüler und Schülerinnen im guten alten Westen zu zeigen, dass die Mauer wirklich gefallen ist und man auch irgendwo weiter im Osten studieren kann.

Diese Kampagne nennt sich ironischerweise (mehr oder weniger) sinnig “Studieren in Fernost”. Erste Assoziation: Asien. Zweiter Eindruck: Verstecken der eigenen Identität hinter einer Maske. Und so sorgt diese Kampagne dann auch für Verwirrungen.

Bei dieser Kampagne handelt es sich nämlich um Werbung für Hochschulen in den neuen Bundesländern. Dafür hat man das Wortspiel “Fernost” und asiatische Visualisierungen benutzt, um das ganze irgendwie witzig zu gestalten, was leider wahrscheinlich viele nicht merken. Nicht nur dieser Artikel könnte daher verwirren, die gesamte Kampagne ist aufgrund des Namens ziemlich missverständlich geraten. mit Asien hat die ganze Sache rein garnichts zu tun.

Wer die Website besucht, wird merken, dass anscheinend 90% der Gelder des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) allein für die Präsentation des dürftigen Contents ausgegeben wurden. Kitschige Filme sowie überladene Scripte, zum Beispiel die Hochschulsuchmaschine machen den Besuch weder zum Vergnügen noch geben sie ausreichend Informationen über das Projekt. Fakten und Informationen sucht man sowieso vergeblich.  Der Werbefilm zur Aktion ist jedoch recht lustig. Neugierig macht die Seite schon, und das ist wohl auch so gewollt. Die Schüler sollen sich vernetzen und austauschen. So zum Beispiel über die Studieren-in-Fernost Gruppe in StudiVZ/SchülerVZ. Über die Blogger auf studieren-in-fernost.de erfährt man hier mehr.

Ich kann die Qualität der Hochschulen selbst nicht beurteilen. Leider verändert sich daran auch nichts, nachdem ich mir die Kampagne angeschaut habe. Lediglich kann sie Lust darauf machen, sich mit Hochschulen im Osten auseinanderzusetzen. Dies allein ist natürlich schon nicht schlecht. Und es ist auch die erklärte Absicht. Möglicherweise ist also Kritik an der Tatsache, dass es mehr um Werbung als um Fakten geht, unberechtigt, da die Schüler sich selbst aufmachen sollen, die Hochschulen zu erkunden.

Wichtigster Kritikpunkt ist meiner Ansicht jedoch, dass dieses Projekt das Ost-Westdenken verstärkt und eine Trennung impliziert. Konkurrenz unter Hochschulen sollte intensiver Zusammenarbeit weichen. Sobald sich verstärkt Parteien  voneinander abtrennen, wird immer irgendjemand verlieren. Wenn in Zukunft keine Kommunikation zwischen den Hochschulen stattfindet, läuft die Aktion ins Leere.

Die obigen Absätze mögen vermuten, dass ich das Projekt nur negativ sehe. Dem ist jedoch nicht so. Oben habe ich meinen ersten Eindruck geschildert. Beschäftigt man sich tiefer mit der Materie, fällt die Wertung anders aus. Dass eine Auseinandersetzung mit der Ost-West Problematik notwendig ist, dürfte jedem klar sein. Aber die Qualität der Umsetzung durch dieses Projekt ist leider an einigen Stellen fragwürdig. Zum Thema ein paar Fakten:

“Dennoch sind gerade die 19 Universitäten im Osten oft nicht ausgelastet. Viele »Erstsemester« zieht es zum Studieren in die alten Bundesländer. Dabei haben auch die hiesigen Unis eine Menge zu bieten: Besonders in puncto kurze Studiendauer, Ausstattung und Betreuung schneiden sie in Bestenlisten hervorragend ab. So schaffen z. B. Leipziger Chemie-Studenten im Schnitt bereits nach 9,9 Semestern ihren Abschluss. Ihren Fachkollegen in Aachen gelingt dies erst nach 14,3 Semestern. Besonders gut ist die Situation in Sachen Lehre und Forschung auch an den Universitäten Dresden und Jena. Die Berliner Unis stehen vor allem bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern hoch im Kurs.” (Quelle: Super-Illu)

Und der Focus bestätigt, dass die Situation an ostdeutschen Universitäten und Hochschulen für Studierende so gut wie noch nie ist. Leere Hörsäle, individuelle Förderung, hochwertige Ausstattung und eine optimierte Kommunikation zwischen Universität, Studentenwerk und Wohnungsunternehmen (Jena) sollen dem Studierenden das soziale Umfeld so angenehm wie möglich gestalten. Ebenfalls herausstechend ist die Tatsache, dass im Osten keinerlei Studiengebühren anfallen, Wohnung und Ernährung generell günstiger ist.

Schaut man dann auch in den Westen, erkennt man, dass eine Kampagne zur Verschiebung der Studenten zumindest notwendig ist. Wie sie dann umgesetzt wird, ist eine andere Frage. Die  doppelten Abiturjahrgänge durch die Einführung des G-8-Abiturs, die den alten Bundesländern bis 2020 steigende Studienanfängerzahlen bereitet, haben zum Hochschulpakt 2020 geführt. Dieser verpflichtet Universitäten, jährlich eine größere Anzahl an Studenten aufzunehmen. In Köln zum Beispiel 900 mehr. Während Hochschulen in den nächsten Jahren vorraussichtlich verstopfen, gehen die Einschreibungen in den neuen Bundesländern drastisch zurück. Der demografische Wandel dort ist nicht aufzuhalten, die Geburtenrate sinkt drastisch, während gleichzeitig jeder Vierte zum Studieren in den Westen geht.

Die Werbeagentur „Scholz & Friends“ steckt hinter der Hochschulkampagne “Studieren in Fernost”. Sie hat den Auftrag, diesen demografischen Wandel zu nutzen und das Gefälle West-Ost auszugleichen. Die Höhe des Budget, welches aus dem Hochschulpakt 2020 kommt, ist mir leider nicht bekannt. Ob eine derartige Kampagne allerdings viel erreichen kann, mag bezweifelt werden. Die Wahl des Studienplatzes wird nicht bei einem gemütlichen Fernsehabend beschlossen, Schulabgänger haben eine feste Vorstellung und informieren sich wohl umfassend, bevor eine so bedeutende Wahl wie die des Studienplatzes festgelegt wird. Schließlich ist es eine der bedeutendsten Entscheidungen eines jungen Menschen, die sein Leben prägen wird. Hoffen wir jedoch einfach, dass der Fokus in Zukunft auch stärker auf die neuen Bundesländer fällt. Denn die möglichen Vorteile sind nicht jedem bekannt und Vorurteile über die Zustände im “unterentwickelten Osten” können eine objektive Entscheidung behindern. Die hier vorgestelle Hochschulkampagne wird hoffentlich eine objektivere Wahl fördern. Blindes Wählen ostdeutscher Hochschulen ist ebenso falsch, auch wenn es für vorerst ausgeglichene Universitäten und Hochschulen sorgen würde.

Zum Schluss noch das Werbevideo der Kampagne “Studieren in Fernost”:

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Tags: Bildung, Hochschulinitiative, Kampagne, ostdeutsche Universitäten, SchülerVZ, Studieren in Fernost, StudiVZ, Werbung

4 Kommentare
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  1. Ich gebe zu, ich habe erst am Ende des Artikels gemerkt, dass “Fernost” für den Osten Deutschlands stehen soll. Zuvor ging ich – sicherlich aufgrund meiner eigenen Interessen – davon aus, dass die Universitäten in Ostdeutschland einen erleichterten Studienaufenthalt in Asien abieten wollen. Also so in der Art: “halbes Studium in Deutschland, halbes Studium in Asien und wir zahlen die hohen Gebühren”

    Was für eine misslungene Überschrift… Wenn ich nach Studium in Fernost suche, dann erwarte ich Informationen zu Unis in Japan, Südkorea und meinetwegen auch China (wobei die chinesische Regierung mich gleich einbuchten würde, weil ich nicht still sein kann, wenn es um Kritik am Staat geht).

  2. Ohje, das tut mir Leid. Danke für deine Kritik.

    Ich habe den Artikel jetzt etwas verständlicher gestaltet. Ich muss zugeben, dass ich es wohl nicht hinreichend erklärt habe. Aber es liegt hauptsächlich an der Missverständlichkeit der Kampagne selbst. Meiner Meinung nach ein sehr unglücklich gewählte Name für eine Werbekampagne der Hochschulen in den neuen Bundesländern.

    Gruß,
    Artie

  3. Unser Problem im Jahre 2009 ist doch: Warum insistieren Politiker und Agenturen immer noch auf dem Begriff “Osten”? So selbstverständlich wie die Nennung dieses Wortes ist seine negative Konnotation. Wer sich wirklich und wahrhaftig für seine Hochschule oder ganz allgemein seine Region einsetzen möchte, sollte die Chiffre “Osten” vermeiden.

    Es ist an sich einfach. Es beginnt damit, dass man sich fragt, ob es eine Notwendigkeit gibt, ob es so sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen McPomm und Sachsen gäbe, dass sich eine gemeinsame Erwähnung lohne. Wenn man dann zu dem logischen Schluss gelangt, dass dies nicht gegeben ist, ist eine wie selbstverständlich Neuorientierung auf andere Begriffe zu empfehlen.

    Somit empfinde ich es als eine peinliche Inszenierung, für Greifswald und Dresden in einer Kampagne zu werben, alte Klischees zu bedienen, anstatt neue Interpretationsmuster zu gestalten. Man kann über “Osten” und “neue Länder” keine positiven Bilder in den Köpfen erzeugen.

    Zudem müssen die Menschen sich generell von diesen Klischees trennen. Denn wie soll sich ein Münchner in Magdeburg wohlfühlen, wenn er stets von seinen Mitstudenten auf die Vorzüge eines Terrorregimes gestoßen wird?

  4. Eins soll gesagt sein : Die Ostdeutschen Unis mögen gut ausgestattet und überfinanziert sein – GUT im Sinne einer aktiven Forschung und Lehre sind sie noch lange nicht. Ich habe zwei Semester in Dresden studiert, dann wechselte ich wieder nach Westdeutschland und muss sagen : Es sind einfach bessere Bedingungen. Besseres Personal, bessere Forscher, schönere Städte. Wenn ich in eine hässliche Betonlandschaft möchte, die entweder entvölkert oder von GLatzen besiedelt ist, gehe ich in den Osten. Selbst in den größeren Städten dort gibt es keine Infrastruktur mehr. alles runtergekommen, hässlich, verlassen. Hat schon einen Grund, weshalb die Leute lieber in den Westen gehen. Ein Seminar mit nur fünf Leuten ist nicht besser, wenn der Dozent nichts kann. Schaut euch doch mal an, wie selten Ostdeutsche Profs einen Ruf an eine andere Uni kriegen. Viele von ihnen wurden nach der Wende in ihre Position gespült und lassen es sich jetzt gut gehen. Gute Forscher sind sie deshalb wohl kaum.

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