2009 Medial vernachlässigt: Gehörlosenschulen unterrichten keine Gebärdensprache
Feb 7th, 2010 | Von ArtieS | Thema: deutsche BildungspolitikDie Initiative Nachrichtenaufklärung ist eine unabhängige Organisation, deren Gründer sich 1997 dazu verschrieben hat, so Nachrichten aus dem deutschsprachigen Raum, die in den Medien nicht genügend berücksichtigt wurden, zu publizieren und somit stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Vorbild ist das amerikanische Projekt Censored.
Jedes Jahr wählt eine Jury aus Wissenschaftlern und Journalisten aus allen vorgeschlagenen Themen die “Top-Themen” des Jahres aus.
Die wichtigsten von den Massenmedien ignorierten Themen des letzten Jahres (2009) sind nun veröffentlicht worden.
Neben erschütternden Nachrichten wie das Vernachlässigen von Pflegebedürftigen in deutschen Krankenhäusern, zurechtgebogene UN-Konventionen in Deutschland bezüglich dem zwangsweises Einweisen in Psychiatrien, selektive Kriegsberichterstattung und rechtswidrige Anwendung von Polizeigewalt findet sich auch eine für das Thema Bildung interessante verschwiegene Nachricht:
So gut wie alle deutschen Schulen für die etwa 80.000 Gehörlosen in Deutschland lehnen die Gebärdensprache ab und bevorzugen stattdessen alleinig die Lautsprache.
Tatsächlich aber kann durch die Lautsprache nur etwa 30% des gesprochenen Wortes aufgenommen werden, die übrigen 70% müssen geraten werden.
Die Gebärdensprache wurde mehr als 175 Jahre lang unterdrückt. In dem Glauben, Kinder würden bei Gebrauch der Gebärdensprache die sehr schwer wahrnehmbare Lautsprache nicht korrekt lernen.
Kinder, die beim kommunikativen Gebrauch der Hände ertappt wurden, erhielten in einigen Schulen Stockschläge auf die Hände oder wurden mit Spielverbot und Nachtischentzug bestraft. Ihnen wurde beigebracht, sich für den Gebrauch der Gebärden zu schämen. Eltern wurden dazu angehalten, mit Kindern nur in der Lautsprache zu kommunizieren. In einigen Schulen wurde und wird noch jetzt das Gebärden nur toleriert, die Lehrer wenden diese Sprache aber im Unterricht nicht an. Die Antipathie gegen die Gebärdensprache hat sich heutzutage gemildert. (Wikipedia)
Dabei ist es die Lautsprache, die Gehörlose Schwierigkeiten bereitet und ihrer Potentiale beraubt.
Auch wenn die Unterdrückung nicht mehr aktiv ist, wird die Gebärdensprache an so gut wie allen Schulen immer noch nicht angeboten, zum Leidwesen der Gehörlosen.
“Kritiker der Gebärdensprache hingegen fürchten, dass Betroffenen die Motivation fehlen könnte, die Lautsprache zu erlernen, wenn sie mit der Gebärdensprache ein System haben, mit dem sie sich verständigen können. Die Folge könnte eine Ausgrenzung aus der Gesellschaft sein.”
„An den wenigsten Gehörlosenschulen in Deutschland wird das Fach Deutsche Gebärdensprache unterrichtet. Vereinzelt gibt es das Fach Gehörlosenkultur. An den meisten Gehörlosenschulen ist die Unterrichtssprache nicht die Deutsche Gebärdensprache, sondern die Lautsprache unterstützt mit vereinzelten Gebärden. Das überrascht vor allem all jene, die mit gesundem Menschenverstand, aber von außen die Situation gehörloser Kinder betrachten und selbstverständlich erwarten, dass gehörlose Kinder in ihrer Muttersprache kommunizieren dürfen. In den Medien wird dieses Thema vernachlässigt.“
Katja Belz, Bundeselternverband gehörloser Kinder
„Die ablehnende Haltung gegenüber der Gebärdensprache, die über Jahrzehnte ein Verbot der Gebärdensprache in der Beschulung Gehörloser bewirkte, beschränkt sich nicht auf den pädagogischen Bereich. Sie erstreckt sich unter anderem auf die Beratung von Eltern gehörloser Kinder, wenn diese darauf abzielt, die Hörschädigung auf rein medizinisch-technischer Ebene per Hörgerät oder Cochlea Implantat zu ‚beheben‘, anstatt alle Optionen, die der Entwicklung und Bildung von Kindern zugute kommen – und zu diesen gehört auch die Gebärdensprache –, parallel anzubieten und zu fördern. Der Deutsche Gehörlosen-Bund hält das Thema in den Medien für vernachlässigt.“
Friederike von Borstell, wissenschaftliche Referentin beim Deutschen Gehörlosen-Bund
„Ich kann Ihnen bestätigen, dass das Thema a) von großer Relevanz ist und b) in den Medien völlig vernachlässigt wird. Hintergrund ist ein Jahrzehnte langer Streit darüber, ob die Gebärdensprache in Schulen zum Einsatz kommen sollte oder ob sich die Schule nicht völlig auf das Lippenlesen und Sprechenlernen von Gehörlosen konzentrieren sollte.“
Ulf Rödde, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Das ist doch erschütternd. Ich nahm bisher immer an, dass Gehörlose natürlich die Gebärdensprache lernen, ist es doch die Form der Kommunikation, die aktiven Austausch erst möglich macht (nehme ich als Laie zumindest an) und dem Kind auch die größtmögliche Freiheit bietet. Es muss doch möglich sein, beide Gehörlosensprachen so miteinander zu verbinden, dass untereinander eine fließende Kommunikation möglich ist aber ebenfalls auch Lautsprache erkannt werden kann.
Scheinbar sind in der deutschen Bildungspolitik selbst die Bereiche, die eigentlich selbst innerhalb dieses Systems positiv verwirklicht werden könnten miserabel aufgebaut. Zudem widmen sich die Medien anscheinend lieber massentauglichen Bereichen und dementsprechend behandelt man es dann auch an den Schulen.
Quellen:
Initiative Nachrichtenaufklärung Top-Themen 2009
Initiative Nachrichtenaufklärung: Gebärdensprache
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Bestätigt mal wieder, wie inkompetent der Staat ist, wenn es um die Erziehung und Bildung von Kindern geht. Eltern, steht auf! Es ist Euer angeborenes Recht und Eure angeborene Pflicht, für die Erziehung und Bildung Eurer Kinder zu sorgen. Der Staat hat dies usurpiert, und spätestens, wenn er es nicht ordentlich macht, sondern Eure Kinder schädigt, müsst Ihr es Euch wieder holen. Macht es selber. Lernen daheim und anderswo statt in der Lernbatterie Schule ist die “Schul”form, bei der der Sozialstatus der Eltern oder Besonderheiten des Kindes am wenigsten behindern. Wenn alle Eltern von Kindern, an denen der Staat vorbeiunterrichtet, ihr Erziehungsrecht wieder zurückfordern und die Schule boykottieren würden, ließe sich das auch nicht mehr obrigkeitsstaatlich unterdrücken. Der Asylrichter bei Romeikes in Tennessee hatte ganz Recht: Dass Eltern ihre eigenen Kinder selbst unterrichten, ist genauso ein Menschenrecht wie aus Gewissensgründen den Militärdienst zu verweigern.
Ich erlebe es immer wieder bspw. auf Bahnhöfen, wie alleingelassen Gehörlose im alltäglichen Leben oft sind. Wenn nicht wenigstens einer in der Gruppe ist, der “sprechen” kann, sind sie aufgeschmissen. Gott sei Dank ist meist so jemand in der Gruppe.
Jetzt aber mal im Ernst: in der Präambel zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht, und ich zitiere wörtlich:
“Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, . . . hat sich das Deutsche Volk . . . usw., usw. usw. das Grundgesetz gegeben . . .”
“Artikel 1 (1) DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR. SIE ZU ACHTEN UND ZU SCHÜTZEN IST VERPFLICHTUNG ALLER STAATLICHEN GEWALT.
(2) Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung; Verwaltung (‘vollziehende Gewalt’) und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.
Artikel 3 (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, . . . seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.”
Am 27. Oktober 1994 wurde dem Absatz 3 folgender Satz angefügt:
“NIEMAND DARF WEGEN SEINER BEHINDERUNG BENACHTEILIGT WERDEN.”
Wie steht es nun mit der Umsetzung dieser Gesetze? Papier ist ja, wie wir alle wissen, geduldig. Aber wir Menschen sind es nur in begrenztem Maße. Sollte man da nicht mal hergehen, und die Herrschaften in Berlin über den Petitionsausschuß an ihre Pflichten erinnern, sie ermahnen, sich auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren, anstatt quasi im eigenen Saft vor sich hin zu köcheln und nur an sich selbst zu denken?
Grade auch für Gehörlose sind die Artikel 1 (!) und Artikel 3 (3) bzw. deren Einhaltung wichtig. Und es gibt die Möglichkeit, deren Umsetzung auf dem Umweg über den Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages einzufordern.