Bildung in der Krise – Teil 1: Zusammenhänge
Jan 17th, 2010 | Von ArtieS | Thema: Gesellschaft
Wenn man einen Blick auf unsere Gesellschaft hinsichtlich sozialer und bildungspolitischer Veränderungen wirft, diesen Blick einige Jahrzehnte in die Vergangenheit schweifen lässt und dann mit der Gegenwart vergleicht, stellt man ohne Frage einige prägnante Veränderungen fest.
Das Schlüsselwort ist hier weder das Thematisieren des PISA-Ergebnisses, steigender Stress für Schüler und Lehrer noch Lehrerknappheit oder etwa Mobbing an Schulen. Nein, dies alles sind Symptome.
Diese Erkenntnis ist natürlich nichts Neues und wird den “aufgeklärten Menschen” nicht vom Hocker reißen. Der moderne aufgeklärte Mensch, der ja bekanntlich sämtliche gesellschaftlichen Prozesse durchschaut, weil er nicht die Bild sondern Focus und Spiegel liest, hat für uns natürlich eine Antwort in der Tasche:
“Die Ursache liegt auf der Hand. Die Bildungsausgaben des Staates sind einfach viel zu gering. Wir bräuchten X Prozent mehr Ausgaben, dann geht es uns allen gut. Und weil ich auch die XY-Partei wähle, habe ich keine Schuld an dem Desaster, denn die wird dafür sorgen, dass Bildung sich wieder lohnt. Weiterhin muss unbedingt der Föderalismus abgeschafft werden, der sorgt ja nur für das Aufblähen der Bürokratie und wir müssen Ganztagsschulen einführen, damit die Kinder wieder mehr lernen und die Eltern sich in Ruhe der notwendigen Arbeit zuwenden können und dann müssen wir natürlich das dreigliedrige Schulsystem abschaffen, weil dies gesellschaftliche Schichten bildet. Auch brauchen wir mehr Lehrer. Und das geht alles nur indem der Staat mehr Geld in die Bildung steckt.”
Es ist eine Krankheit unserer Zeit, dass die Leute vergessen haben wo der Unterschied zwischen Nachdenken und Nachplappern liegt.
“Gebildet ist, wer Parallelen sieht,
wo andere etwas völlig Neues zu erblicken glauben.”
- Anton Graff
Anton Graff hat das, was ich meine passend formuliert. Anstatt logische Zusammenhänge zu erkennen glaubt der moderne Mensch, gebildet zu sein, wenn er Parolen der Medien echot. Die Folge, wäre sie nicht so traurig, hat auch etwas Ironisches. Wer was es noch, der einmal sagte, dank der Presse werden die Menschen bald nichts anderes mehr tun, als sich gegenseitig Schlagzeilen an den Kopf zu werfen?
Meine Vorstellung von Intelligenz ist, dass die logischen Verknüpfungen, die zwischen sämtlichen Aspekten der Realität existieren verbunden werden müssen um ein Gesamtbild erkennen zu können. Denn unsere Welt ist weitgehend kausal und somit auch zusammenhängend. Die Konzentration auf das Detail trübt den Blick aufs Ganze. Einzelne Aspekte müssen immer in Hinblick auf die Gesamtheit der Dinge hin geprüft werden und dürfen – zumindest in letzter Konsequenz – nicht für sich stehen. Nun haben wir heutzutage eine hochgradig spezialisierte Gesellschaft.
Jeder weiß über sein Fachgebiet alles und damit, so traurig es auch klingt, weiß quasi niemand etwas. Damit will ich keineswegs in Abrede stellen, dass man sich nicht auf ein Gebiet fokussieren sollte. Doch dies ist ebenfalls -und gerade dann- möglich, wenn man sich diesen Fokus in Hinblick auf auf die Zusammenhänge erschließt.
Die Schlüsselwörter welche ich in Hinblick auf die Krise unserer Gesellschaft meine, werden nicht gerne gehört, denn sie sind ja so abgegriffen. Kapitalismus, Korruption, Manipulation, Zentralisierung, Globalisierung. In den Medien leiert man es rauf und runter und irgendwie “ändert sich ja trotzdem nichts”, weiß unser aufgeklärte Bürger. Schuld an der Finanzkrise haben “gierige Banker”, politisch ist zur Zeit “einfach die falsche Partei” am Hebel und die Pharmaindustrie hat es auch nur gerade mal “zufällig geschafft”, ein paar Milliarden mit einer angsteinflößenden Kampagne einzusacken. Diese Polemik kann er einfach nicht ertragen, diese Reduzierung auf “populistische Aussagen, die man ihm als Zusammenhänge verkaufen will”.
Auch das Bildungssystem ist nur ein Spiegel des gesamtgesellschaftlichen Bewusstseinszustandes. Und wie in allen Bereichen sieht es heute der moderne Mensch nicht im Geringsten ein, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Es ist ein gefährlicher Trugschluss, seine Verantwortung auf den Staat oder auf sonst wen abzuwälzen, weil ja “alles mehr oder weniger läuft”.
Dies ist der Mechanismus, der in einer Demokratie oligarchische Strukturen entstehen lässt. Dasjenige, worin sich die Demokratie von allen anderen Systemen unterscheidet ist der Umstand, dass
sie es den Menschen unglaublich schwer macht, sich ehrlich zur Freiheit zu bekennen. Denn Preis für Freiheit ist ewige Wachsamkeit sagte uns schon Thomas Jefferson. Und definitiv ist es nicht das Ausruhen auf dem bereits von innen infiltrierten und ausgehöhlten Konstrukt namens Demokratie.
So ist die Parallele zwischen Gesundheits-,Wirtschafts-, Politik-, und Schulsystem eine Einzige: Bevormundung und daraus resultierende undurchsichtige Manipulation auf allen Ebenen. Und dies nur, weil der Einzelne es sich gefallen lässt. Aber so einfach ist es nun auch nicht, denn sämtliche Abläufe um uns herum sind bereits so hoch kompliziert, dass wir lieber resignieren als Veränderung zu wollen. Und so ist es ein enormer Aufwand, auf einem System welches für die Manipulation der Massen bereits perfektioniert ist, auszubrechen.
Verändern wird sich von selbst nichts. Das wissen um die richtigen Entscheidungen ist schon lange da. Der gesunde Menschenverstand, die Geschehnisse an deutschen Schulen sagen es uns und mitlerweile auch immer mehr Studien und die Praxis selbst: Bildungsvielfalt und -freiheit, individuelle Entwicklung und elterliche Aufmerksamkeit ist das, was ein Kind braucht. Es geht um nicht weniger als die simple Sache, dass man wieder Verantwortungsbewusstsein fördern muss, indem man die Bevormundung beendet. John Holt sagt über Kindererziehung:
If they are given access to enough of the world, they will see clearly enough what things are truly important to themselves and to others, and they will make for themselves a better path into that world then anyone else could make for them.
Die einzige Forderung an den deutschen Staat ist das, womit sogar andere europäische Staaten kein Problem haben: Bildungspflicht statt Schulpflicht. Dies ist der erste notwendige Schritt, erst auf diesen können weitere folgen.Dass der Staat eine Quasi-Monopolstellung auf die Bildung hat ist eine derartige Perversion eines Rechtsstaates, das ich mich frage, warum so Wenige darüber nachdenken. Ein demokratischer Staat hat die Pflicht, einen mündigen Menschen hervorzubringen, dies ist aber nur durch Pluralismus im Bildungswesen möglich. Alles Andere degradiert die Menschen zu blinden Mitläufern und gibt dem Staat Macht, die er nicht haben dürfte. Jemand der aber wie der Staat Macht über das Volk inne hält, darf unter keinsten Umständen das Schulsystem stellen, da der soziale Druck Menschen normt und konditioniert. Da dies aber nicht beherzigt wurde, haben wir nun Generationen, die nicht einmal mehr in Frage stellen, ob es richtig ist, uns dem Pflichtsystem der Regelschule zu stellen.
Bei der Suche nach Ursachen dreht man sich schnell im Kreis. Denn die Vorstellung, auch die Frau muss einer außerhäuslichen Arbeit nachgehen hat gerade dazu geführt, dass die Eltern ihrer grundlegenden Pflicht nicht mehr nachkommen können: Nämlich die Erziehung eines glückliche und selbstbestimmten Kindes.
Wir müssen uns also nicht wundern, wenn auch das deutsche Schulsystem nicht annährend demokratisch ist und Wenige bestimmen, wie Viele aufwachsen. Dass auch von Diesen nur Wenige wissen, was sie tun und die meisten Menschen sich nicht annährend bewusst sind, was sie den jungen Generationen antun, ist das Traurige an der ganzen Sache.
Man erkennt entweder alle Prinzipien oder keine. Das Schulsystem kann also nicht für sich stehend kritisiert werden. In allen Bereichen läuft etwas schief, und sich das einzugestehen kann manchmal sehr weh tun. Daher sehen viele lieber in jedem Detail etwas Anderes, unwissend, dass es nur Fraktale einer Ursache sind, die sich in allem widerspiegelt. Für mich besteht in Bezug auf Bildung der einzige Ausweg aus der Systemkrise, die sich momentan hauptsächlich in der Wirtschaft manifestiert die Radikalität der Freiheit und Selbstbestimmung als Gegenteil zur Mentalität der Bevormundung.
Abschließend sei noch gesagt, dass ich keinesfalls verallgemeinern will. Aber gerade weil Realität vielschichtig ist, geht es auch um Vielschichtigkeit in der Bildung. Auch wenn es sicher Einige gibt die mit der Schule so zufrieden sind, muss das ja nicht auf alle zutreffen und jeder sollte die Möglichkeit haben, darüber auch auswählen zu dürfen.
In Teil 2 dieser Artikelreihe werden Ursachen der Probleme des Schulsystems konkretisiert.
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Ich lese jetzt daraus das die Schulpflicht wie sie zur Zeit besteht ein Problem für das ganze System darstellt, habe ich das in etwa richtig interpretiert? Schule also als freiwilliges Angebot neben vielen um die Bildung zu erreichen die man braucht und haben sollte? Also mehr Bildung durch die Eltern und mehr selbstorientiertes Lernen als Frontalunterricht? Könnte ich mich mit anfreunden, dass Angebot “Schule” müsste aber weiterhin kostenlos zur Verfügung stehen und auch Abschlüsse sollte man am Ende eines Lernprozesses machen sollen, also müsste ein Rahmen für das was gelernt werden muss schon gegeben sein.
Finde das aber interessant, muss ich mal ein wenig drüber nachdenken….
Lieben Gruß
Sven
Hi Sven,
Danke für deine offene Reaktion!
Du hast das in der Tat so ähnlich interpretiert, wie ich es gemeint habe.
Klar, dass Angebot “Schule” an sich ist nicht verwerflich und sollte jedem offen stehen. Der Rahmen (innerhalb dieses Systens) muss natürlich auch da sein, wenn man vergleichbare Ergebnisse haben will.
Der Kernpunkt ist für mich, dass durch das Schulpflichtsystem in Deutschland Alternativen massiv unter Druck gesetzt werden und sich ein offenes und vielschichtiges Angebot nur sehr schwer etablieren kann.
Es ist seit Jahren zu beobachten, dass vor allem Familien, die ihren Kindern zu Hause die besten Bedingungen geben und ihren Nachwuchs nicht dem Schulsystem aussetzen wollen, massiv vom Staat belästigt werden.
Warum also nicht wenigstens den Familien, die es aktiv wollen, freies Lernen, Unschooling, Homeschooling oder alternative Bildungseinrichtungen (hier gibt es zum Glück schon einige Fortschritte) erlauben.
Immerhin gibt es so einige Studien, dass Kinder, die nie zur Schule gingen (Unschooling/Homeschooling) die einheitlichen Abschlüsse durchschnittlich besser bestehen und zudem viel selbstbestimmter und glücklicher im späteren Leben sind. z.B. hier über kanadische Freilerner http://www.hslda.ca/cche_research/2009StudySynopsis.pdf
Letztlich wird dadurch auch die Benotung an sich in Frage gestellt. Es geht ja darum, dass Kinder lernen wollen. Wenn dies erstmal verstanden würde, dann bräuchten wir weder Benotungssysteme (die sowieso willkürlich sind) noch Abschlussprüfungen. Aber das ist ein weiter Weg und der erste Schritt ist eine Aufweichung der Schulpflicht zur Bildungspflicht.
Viele Grüße,
Artie