GreenMyParents: Kinder im Gleichschritt zur Rettung des Planeten

Apr 24th, 2010 | Von ArtieS | Thema: Medien

“Mami, du hast gerade länger als 10 Minuten geduscht. Ich wette wir kriegen das auf maximal 3 Minuten runter.”

“Papa, ist dir aufgefallen, dass du das Licht im Zimmer angelassen hast?”

“Du fährst 150 km/h, obwohl du bei 130 viel ökologischer fahren würdest.”

Ginge es nach der Initiative “GreenMyParents” würden solcherlei Kommentare für Eltern bald zum Alltag gehören.

Gegründet am 2. April, dem 40. Jahrestag des Earth Day startet hiermit der Versuch, 100 Millionen Kids dazu zu bekommen, jeweils 100 Dollar einzusparen, indem sie ihre Eltern anhalten, ihre Wirkung auf die Umwelt zu messen und den Verbrauch zu reduzieren. Auf der Webseite liest man, dass Kinder ihren Eltern “Zensuren für die Einsparung von Energie, Wasser, und Benzin geben sollen”.

“Das neueste ökologisch-dynamische Gehinwaschprogramm für die Jüngsten” betitelt man bei eigentümlich frei die neue amerikanische Umweltinitiative, um Kinder für Umweltschutz zu aktivieren.

Tim Worstall hält das Projekt für ein weiteres Zeichen von „Ökomanie“. Auf „takimag.com“ schreibt er: „Das stammt direkt aus dem Lehrbuch des Totalitarismus. So gut wie jede üble Diktatur hat die Kinder instrumentiert, damit sie jene Eltern melden, die der Parteilinie nicht folgen.“ Zumindest jene mit schulpflichtigen Kindern, fährt Worstall fort, werden die „endlosen Unterrichtsstunden über die verrückteren Formen des Umweltschutz-Unsinns“ registriert haben, „wo kritisches Denken und Überprüfung von Beweisen im Lehrplan auffällig fehlen.“ Nun also „sollen Sie von den gehirngewaschenen kleinen Schätzchen studiert, informiert und angemeckert werden. Zweifellos werden sie bald ihrem Lehrer sagen, dass Sie heiß geduscht haben.“

In George Orwells „1984“, erinnert Worstall, wird beschrieben, wie ein Vater, der im Schlaf über die Partei schimpft, von seinen Kindern bei den Behörden gemeldet wird und er bald darauf im Ministerium der Liebe auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Der Roman sei jedoch „als Warnung gedacht worden, nicht als Gebrauchsanweisung“, mahnt Worstall im Hinblick auf GreenMyParents abschließend.(Quelle: EF)

Kommantar: Das erinnert mich  an meine Schulzeit, als unserer Klasse im 10. Jahrgang im Erdkundeunterricht Al Gore’s Film “Eine unbequeme Wahrheit” verpasst wurde. (Lief wohl nicht nur in den USA und Deutschland als Werbekampagne in den Schulen.) Mit trauriger Miene erzählte die Lehrperson uns, wie drastisch der Klimawandel in Zukunft aussehen wird, aber es gab ja Abhilfe um die Schüler zu “sensibilisieren”: Al Gore’s unbequeme Wahrheit. Eine unbequeme Wahrheit war dann wohl eher, als im Nachhinein herauskam, dass der Film vor inhaltichen Fehlern nur so strotze. Schlimmer ist aber, dass ein Film eines Politikers überhaupt flächendeckend in Schulen gezeigt wurde, ohne ihn kritisch zu beleuchten.

Was auch immer die Motivation von GreenMyParents ist, das Projekt reiht sich nahtlos ein in die Projekte und Veranstaltungen zur Rettung des Planeten Erde durch “kleine gute CO2-freie und umweltbewusste Taten”. Ein höheres Ziel, dem sich der Einzelne unterzuordnen hat. Als wenn wir im zwischenmenschlichen Bereich nicht andere Probleme hätten und als wenn wir vor unserer Haustür nicht genug Dreck zu kehren hätten. Reale menschliche und natürlich auch ökologische Probleme werden auf Kohlenstoffdioxid und Handlungen des Einzelnen verringert, die an der Situation nichts ändern. Stattdessen schaffen sie eine Gesellschaft, in der womöglich bald schon Schüler ihre Eltern denunzieren, wenn diese ein paar Minuten länger geduscht haben…

Milliarden Menschen ohne sauberes Wasser, Nahrung und Bildung, Millionen weiterer Hungernder durch die Wirtschaftskrise, mehr und mehr Arbeitslose und Hungernde daheim, Genozid im Irak und weitere unmenschliche Kriege im Namen von Freiheit und Demokratie und wir laufen Leuten wie Gore hinterer, die Wasser predigen und selbst Wein saufen, spenden Geld für Umweltprogramme, sparen ein paar Liter Wasser und fühlen uns dadurch sowas von toll, das wir gerade den Planeten Erde gerettet haben. Wir höchstpersönlich, was für eine Leistung! Doch dabei vergessen wir verletzlichere Wesen, als die Erde: Unsere Mitmenschen. Was für eine Farce. Während wir glauben, wir hätten einen nennenswerten Einfluss auf das Weltklima und könnten dies zum Besseren hin verändern, haben wir nichteinmal die grundlegenden Probleme  unter uns Menschen gelöst.

Im Anschluss an unsere guten Taten für den Umweltschutz konsumieren wir einfach weiter und unterstützen Banken, die ihr Geld direkt in (Agrar-)fonds investieren, die Menschenleben kosten. Wir haben uns ja gerade erst freigekauft, in dem wir dem wir dem WWF 5 Euro gespendet und fair gehandelten Kaffe gekauft haben.

Es ist also nur konsequent, wenn jetzt die Kinder losgeschickt werden, die Rettung unseres Planeten vorranzutreiben. Bis Orwellsche Zustände herrschen und ein Familienvater eines Nachts im Schlaf vielleicht die falschen Worte murmelt und kurz darauf die Beamten des Ministeriums für (Planeten-)Liebe vor der Tür stehen.  ;)

Zum Abschlus Goerge Carlin, Saving the Planet:

“The planet is’nt going anywhere. We are.”

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2 Kommentare
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  1. Schön, schön. Wirklich! Endlich mal jemand, der auch deutlich werden kann. Wenn ich das hier lese und bei jedem Satz nicken muß, bin ich nebenher froh, keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Den das wäre wohl das Schlimmste, was ich ihnen hätte antuen können. Ich habe mich nämlich damals schon bei meinen Eltern bedankt, das sie mich in so eine beschissene Welt gesetzt haben.

    Was mich aber doch stört, ist die Aussage, WIR würden das alles machen oder nicht machen.
    Also ich führe keinen Krieg, ich belüge niemand, ich senke nicht die Löhne, erhöhe nicht die Preise und ruiniere somit die Gesellschaften der Welt. Das ist nur eine Hand voll geldgierieger, machtgeiler, höchswahrscheinlich impotenter, alter Böcke.
    Den einzigen Vorwurf, den ich mir gefallen lasse, ist der, daß WIR das zwar alles wissen, es aber denoch geschehen lassen.

  2. Und so lege ich meine Kleider ab und lasse alles zurück und verkrieche mich in einer Höhle. Das wäre eine Variante auszusteigen. Aber in Wirklichkeit wird uns bei dem Gedanken bewusst, dass wir nicht aussteigen können. Dieses System ist um uns gewachsen. Es hat vieles schlechtes, aber auch viel gutes mit sich gebracht. Der einzige Ausweg geht in sehr kleinen Schritten. Aber auch die sind wichtig. Noch sind wir nicht allein Opfer, sondern auch Aktöre. Das Kind das seine Mutter ermahnt nicht so lange heiß zu duschen mag uns banal erscheinen – aber lässt es irgendwann sicher erkennen, dass das Warme Wasser nicht einfach aus einem Rohr kommt und nicht selbstverständlich ist. So glaubt ein älteres Kind auch nicht mehr an den Osterhasen – aber es hat hoffentlich verstanden, dass es schön sein kann, anderen mit kleinen Geschenken eine Freude zu machen. Kleine Schritte sind wichtig – und die können nunmal sein, weniger Fleisch zu essen, fair gehandelte Waren zu kaufen oder bei der Heizung zu sparen.

    Ich bin eben Optimist – aber ich denke: Wenn du genau weist, dass Morgen die Welt untergeht, dann solltest du heute einen Baum pflanzen, denn es ist gut möglich, dass du dich irrst.

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